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Anton-Afritsch-Kinderdorf Graz

geschrieben am 21. November 2012

Im Auto. Richtung Steinberg, kurvige Strecke. Wir sind angespannt. Es ist Nachmittag. Nach dem Workshop stehen noch andere Termine, Besprechungen an. Spät dran sind wir auch. Der Routenplaner sagt uns, dass wir in zwei Minuten ankommen sollten. Das Telefon läutet. „Ja, wir sind gleich da.“

Koffer mit Workshop-Utensilien ausgepacken. Rebekka kommt uns entgegen und empfängt uns: „Die Kinder freuen sich. Sie sind schon aufgeregt!“ Wir freuen uns auch, müde sind wir trotzdem.

Villa Kunterbunt.

Im Gemeinschaftsraum begrüßen uns neugierige Blicke. Innerhalb eines Sekundenbruchteils schreit ein Mädchen, sagen wir 8 Jahre alt, aufgeregt durch den Raum: „Bist du schwanger?“
“Ahm. Ja!”, antworte ich perplex. Die Kinder reagieren sofort und unverfälscht auf uns. Alles passiert sehr schnell.
Aus der anderen Ecke kreischt es kritisch: „Bist du sicher? Woher willst du denn wissen, dass da ein Baby in deinem Bauch ist?“ Der kleine Bruder, vielleicht 5 Jahre alt, stürzt auf uns zu, umarmt uns ganz fest und lässt auch so bald nicht mehr los.
„Er ist sehr anhänglich.“ erklärt Rebekka.

Andere Kinder kommen auf uns zu und fragen, was wir denn jetzt machen würden? Sie stöbern neugierig in unserem Koffer, helfen beim Auspacken und bilden einen Kreis um uns.

Bei unserem  Kennenlernspiel notiert jede/jeder Lieblingsland, Lieblingsessen, den Traumberuf etc. auf einem Kärtchen. Die anderen erraten es anschließend. Alle machen mit, es macht Spaß. Im Eifer des Gefechts ist unsere Müdigkeit verflogen. Die Begeisterung und radikale Anwesenheit der Kinder erfüllt den Raum.

„Wir wollen mit euch über das Glück reden. Was ist denn das Glück? Habt ihr eine Idee, was das Glück sein könnte?“
„Glück ist, wenn ich zu Hause sein kann, aber das geht nicht immer.“ „Wenn man Glück gehabt hat.“ „Heute war ein Glück, dass die Rebekka den Hahn verscheucht hat, der mich angeflogen ist.“

Der Workshop läuft super, die meisten Kids machen freudig mit und lassen sich auf uns ein. Einzig beim letzten Punkt, dem „Sich-in-Paaren-gegenseitig-Freude-machen“ wird es schwierig. Die zufällig zusammengelosten Paare passen nicht so recht zusammen: „mit dem Peter mag ich nicht …“
Erstmals kurze Ratlosigkeit bei uns. Die Kiste mit Requisiten scheint für alle interessant, aber wie man sich damit zu zweit eine Freude machen soll, ist niemandem klar. Wir disponieren um.
„Wollt ihr gemeinsam eine Geschichte nachspielen? Würde euch das Freude machen?“ Jubel und große Begeisterung. Ein Mädel holt sofort ein Märchenbuch. Aschenputtel soll es sein, sie kenne es schon auswendig. Die Rollen werden verteilt, Kostüme improvisiert, eine Bühne festgelegt. Schon kann die Probe losgehen.

Ein zurückhaltendes Mädchen liest die Geschichte vor, die anderen setzen es sofort auf der Bühne um. Aschenputtel kann den Text schon! Wir lachen und machen uns für die große Aufführung bereit. Alle machen mit, die Inszenierung wird ein voller Erfolg. Applaus!

Ein Gruppenfoto wird aufgenommen. Wir besprechen noch einmal den Nachmittag. Dann verteilen wir unsere “Glücksbringerzertifikate” in Form von Glücksbuttons. Die kommen bei den Kindern gut an. „Ich will einen mit einem Herz drauf!“ „Darf ich auch zwei nehmen?“

Um uns herum wuselt es. Die Kinder stehen eng bei uns. Es ist schon Essenszeit geworden, wir müssen gehen um den normalen Tagesablauf nicht verzögern. „Ihr sollt nicht gehen …“, sagt eine. „Nicht weggehen …“, eine andere, die anfangs eher schüchtern war. „Ihr müsst uns wieder besuchen kommen!“ Der kleine Bub umarmt uns schon wieder, noch immer. Wir verabschieden uns und sind auch traurig, dass es schon vorbei ist und dass wir keine langfristigeren Lösungen parat haben.
Wieder im Auto bemerken wir, dass die vorangegangene Schwere und Bedrückung von uns abgefallen ist. Diese aufgeweckten  Kinder haben uns davon rein waschen können! Was für ein Glück, dass wir sie getroffen haben!