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Dialysestation Barmherzige Brüder Graz

geschrieben am 20. Juli 2012

Wir treffen uns vor dem Spital. Im Entrée ein Wasserbecken, das gerade repariert wird. Der Portier erklärt uns den Weg: „Vor bis zum Lift, in den zweiten Stock, dort den Gang entlang und dann links.“ Nicht einfach zu finden.

Es ist heiß. Die Schwestern empfangen uns herzlich und stellen uns jene Patienten vor, die einverstanden waren, sich mit uns über das Glück zu unterhalten. Wir stellen ihnen einzeln unsere Projektidee vor, wie wir uns den Ablauf vorgestellt haben und fragen, wen wir zu einem längeren Gespräch nochmal besuchen dürfen.

Vier Patienten sind interessiert. „Was muss ich dafür tun?“, „Warum macht ihr das?“ … „Glück hatte ich nicht so viel im Leben …“ Wir erklären unsere Motive und stoßen dabei auf Verständnis. Ein wenig Verwunderung ist auch dabei, aber alle sind neugierig und freuen sich auf ein nächstes Treffen. „Wann würde es Ihnen denn passen?“ fragen wir.  „Das ist mir gleich. Ich bin dreimal in der Woche da. Immer die gleichen Termine. Immer vier Stunden lang liege ich hier in diesem Bett.“

Eine Woche später.

Es ist noch immer sehr heiß. Wir arbeiten einzeln mit den Patienten. Der Hitze wegen geht es einigen nicht so gut.

„Was heißt denn für  Sie Glück?“
„Meine Frau, die ist mein größtes Glück. Es war so ein Glück, dass ich sie getroffen habe. Sie ist immer für mich da. Als es mir nach der Operation so schlecht gegangen ist, habe ich sie beim Aufwachen als erstes gesehen und mich gefreut, dass sie da ist, dass es sie gibt. Ohne sie hätte ich das alles nicht überlebt.“

“Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?”
„Ach schon alt, ich lebe schon lange! Hab schon viel erlebt, aber ich versuche immer noch, mich geistig fit zu halten. Ich bin 86 Jahre alt.“

Wir unterhalten uns über vieles. Er erzählt von seinem Leben, dass er so gern studiert hätte, dass er Tiere sehr gern hat vor allem Vögel. Beruflich war er Fleischermeister. Er hat den elterlichen Betrieb übernommen. Gern hat er die Arbeit nie gemacht, aber es ging halt damals nicht anders.

Was ihm denn eine Freude machen würde?, frage ich ihn.

Er interessiere sich für Geschichte, Biografien, aber lesen könne er nicht mehr so gut, da die Augen nicht mehr mitmachten. Ob ich ihm vielleicht was vorlesen soll, ob ihm das Freude bereiten würde?, frage ich. „Ja das wäre sehr schön.“

Ein paar Tage später lese ich ihm etwas über Kaiserin Sisi vor. Es ist einer der heißesten Tage dieses Sommers. Er ist müde und es fällt ihm schwer, wach zu bleiben. Es gefällt ihm trotzdem und er bedankt sich sehr: „Ja, Sie haben mir eine große Freude gemacht, vielen Dank! Hier dreimal in der Woche stundenlang alleine zu liegen ist nicht immer angenehm, aber Sie haben mir eine schöne Zeit geschenkt. So ein Glück, dass Sie hierher gefunden haben!“