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Schlupfhaus Jugendnotschlafstelle der Caritas Graz-Seckau

geschrieben am 7. Mai 2012

Wie viel verdient ihr eigentlich bei dem Job? ist ihre erste Frage an uns.

Alle drei sind 20 Jahre alt und würden nie – wie wir – irgendwas ohne Lohn arbeiten gehen.

Unverständnis am Frühstückstisch. Vielleicht täten wir es für eine Ausbildung, die Schule? Nein, erwidern wir entmutigt, es interessiere uns einfach.

„Und ihr? Was macht ihr denn so?“, beiläufig wage ich den Vorstoß. Irgendwie muss das Gespräch doch in Gang kommen. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Sozialarbeiter im Türrahmen auftauchen. Sein eindringlicher Blick lässt mich vermuten, dass die Frage hier, in der Jugendnotschlafstelle, möglicherweise zu Komplikationen führen könnte. Das Publikum hier ist breitgefächert. Jugendliche mit verschiedensten Hintergründen kommen hierher. Eine hat vielleicht den Bus versäumt, ein anderer wagt sich aus diesen und jenen Gründen vorübergehend nicht nach Hause, wieder einen schleudert es schon gröber. Hier finden sie alle eine Verschnaufpause: Bett, Essen, ein Gesprächsangebot.

„Was meinst du? Arbeit oder was?“, sagt der Linke.

Weil ich mir die Antwort nicht selbst geben mag, bleibe ich vage: „Ja. Arbeit oder Ausbildung oder was du eben so machst.“

„Am liebsten will ich schnell viel Geld machen“, sagt der Mittlere, derzeit auf Arbeitssuche. Wieder geht es ums Geld. „Großes Business eben.“ Nach kurzer Irritation nicke ich wissend. Aha, Business eben.

Worum ginge es denn nun in unserem Projekt? Der riesige Praktikant schaltet sich ein, will uns mit unserem Anliegen vielleicht auf die Sprünge helfen.

Etwas unbeholfen versuchen wir unser Thema mit Worten einzukreisen. Es will uns nicht so Recht gelingen. Wie sollen wir diesen vermeintlich hartgesottenen Jugendlichen erklären, was uns so sehr interessiert, dass wir sogar für ohne Geld Zeit investieren?

Wir sind Glücksbringer. Wir suchen Menschen auf und befragen sie zu ihren Konzepten von Glück. Das ist unser erstes Treffen und wir blicken nicht gerade in kooperative Gesichter. Über dem Tisch schwebt eine schwarze Wolke, ich fürchte wir kriegen die Kurve nicht.

Der Rechte ist offener. Er sieht in uns keine PädagogikstudentInnen, die nach Versuchskaninchen suchen, auch keine LehrerInnen. Er bestätigt: Glück hat nichts mit Geld zu tun. Es mag nach einer Binsenweisheit klingen. Ich bin trotzdem froh, sie hier zu hören.

Der Mittlere lässt nichts anbrennen, um uns wissen zu lassen, dass er sich auskennt. Mit Drogen, mit tags, mit Überdosis. Vermutlich testet er uns nicht einmal, sondern hält sein einschlägiges Fachwissen tatsächlich für sein Kapital. Ein harter Junge im gefährlichen Dschungel da draußen.

Beim Tischtennis schätzt er mich auf 27 Jahre. Damit hat er mich fürs erste schon einmal glücklich gemacht. Fürs Glücklich-machen von 27jährigen gibt er ohnehin vor, Experte zu sein. Er habe sogar einmal, sagt er, mit einer 27jährigen geschlafen, gef**** . Der vormals Linke sogar mit einer 34jährigen. „Der Altersunterschied ist ja nicht schlecht,“ sage ich ohne festzulegen, was ich damit überhaupt meine.

Umsonst frage ich nach Namen. Nur einer, mit dem ich drei TV Serien anschaue (Scrubs, Malcolm mittendrin, Die bezaubernde Jeannie), antwortet unwillig: P. Während er raucht, hat er hinter jedem Ohr eine weitere Zigarette stecken. Das ist sein Vorschuss für den noch jungen Tag.

Auch Daniela versucht ihr Glück. Ob der Mittlere Lust hätte mitzumachen? Oder sich zumindest mit uns unterhalten mag? Die Burschen wollen ihre Ruhe haben, fernsehen, surfen. Kein Bock. Die Zettel, auf die sie schreiben können, was sie glücklich machen würde, schreiben sie dennoch bis zum Rand voll.

Florian, der Sozialarbeiter mit den schönen blauen Augen, erzählt uns von den schwierigen Karrieren, die ein Teil der jugendlichen Übernachtungsgäste absolvieren. Noch vor dem ersten eigenen Job häufen sich Schulden an: Schwarz fahren, Handygebühren. Überforderung und Kopf in den Sand.

Die, die es schaffen, da noch mal rauszukommen, was bedeutet für sie die entscheidende Wende? frage ich. Ambulante Betreuung, Vermittlung in ein Wohnprojekt, Dokumentenbeschaffung, temporäre Unterkunft, das kriegen sie hier im Schlupfhaus. Und was die Jugendlichen besonders brauchen sei, so Florian, Stabilität.

Wenn zu einem so frühen, neuralgischen Zeitpunkt die jugendlichen Kräfte in alle Windrichtungen verschossen werden, ist es nachher schwierig, sie wieder zusammen zu fangen, zu bündeln. Stabilität, als Zauberwort. Ist Stabilität nicht eine Variante von Sicherheit, Geborgenheit? Geld und Macht als Worte, die man vor sich herträgt in einem Bewusstsein von Mangel. Darum geht es gar nicht, bestätigen uns sogar die Jungs.

Man ist doch zu kurz gekommen. Das sagt sich nur schnell, wenn es ums Geld geht.

Was würde dich in diesem Moment glücklich machen? Wie könntest du dich selbst glücklich machen? Sind das wirklich so ungeheuerliche Fragen?

Es sind ungeheuer zerbrechliche Fragen und sich ihnen zu stellen, bedarf ganz schön viel Mut, verstehe ich an diesem Vormittag.

Vielleicht haben wir uns schlecht verkauft? Es tut mir nicht leid. Wir haben ja auch nichts zu verkaufen gehabt. Der Besuch fühlt sich noch unerledigt und ungeklärt an. Er schmeckt nach Unvermögen. Ich weiß noch nicht, was ich halten soll, von dieser Erfahrung.

Aber lieber ist es mir so, als dass ich alles schnell in den Schubladen meines Seminarkoffers verstauen kann. Wir haben keine Antworten erhalten, nur Fragen. Aber das sollte uns bekannt sein, denn auch unsere Antwort ist das Fragen.

Werden wir überhaupt irgendwo etwas anderes finden als das?